Interview auf Bremer Schattenbericht erschienen!

„So­li­da­risch gegen Rassismus”

16. April 2014

Anti­fa­schis­tIn­nen aus Bre­men rufen zu einer Demons­tra­tion gegen Ras­sis­mus auf. Am 26. April wol­len sie gegen die „deut­sche Nor­ma­li­tät” auf die Straße gehen. Der BREMER SCHATTENBERICHT sprach mit Maren Mül­ler, Spre­che­rin der Gruppe, über die geplante Demonstration.

Bre­mer Schat­ten­be­richt: Euer Auf­ruf zur Demons­tra­tion ist rund 14.000 Zei­chen lang. Könnt Ihr euer Anlie­gen an die­ser Stelle kurz zusammenfassen?

Maren Mül­ler: Wir wol­len mit unse­rer Demons­tra­tion natür­lich Öffent­lich­keit schaf­fen. Unser Auf­ruf ist der Ver­such einer Ana­lyse der, unse­rer Mei­nung nach, herr­schen­den ras­sis­ti­schen deut­schen Nor­ma­li­tät. Vom NSU– Pro­zess ist kaum noch etwas in den Medien zu lesen oder zu hören. Täg­lich ster­ben Men­schen an den EU-Außengrenzen, weil ver­sucht wird, ihnen den Zugang nach Europa zu ver­un­mög­li­chen. Men­schen wer­den auf­grund ihrer Haut­farbe oder Haar­farbe von der Poli­zei kon­trol­liert und drang­sa­liert. All das sind Gründe um für uns eine Demo zuma­chen und diese Ver­hält­nisse zu kritisieren.

Ihr for­dert „kein Frie­den mit der deut­schen Nor­ma­li­tät”. Was genau ist eurer Mei­nung nach „nor­mal” in der Bun­des­re­pu­blik und warum habt ihr ein Pro­blem damit?

„Nor­mal“ soll beschrei­ben, dass schreck­li­che Gescheh­nisse, trotz eines mög­li­chen kur­zen empör­ten oder empa­thi­schen Auf­schreis, schnell wie­der in Ver­ges­sen­heit gera­ten, und sich in ein als „nor­mal“ emp­fun­de­nen Gesamt­bild ein­fü­gen. Kurzum, dass was ges­tern schreck­lich, bedroh­lich oder unfass­bar erschien, ist heute schon wie­der „nor­mal“. Als „nor­mal“ bezeich­nen wir den Umgang des deut­schen Staa­tes mit dem NSU, statt einer Auf­ar­bei­tung der Ver­wick­lun­gen von Poli­zei und Ver­fas­sungs­schutz fin­det ein Hoch­rüs­ten eben die­ser Behör­den statt. Täg­li­che Abschie­bun­gen von Men­schen in Armut und Leid und all­täg­li­che ras­sis­ti­sche Überg­riffe auf Men­schen, all das ist für uns „deut­sche Nor­ma­li­tät“. Und zur die­ser Nor­ma­li­tät gehört auch, über Ras­sis­mus zu schwei­gen. Wir wol­len eine soli­da­ri­sche Gesell­schaft, ohne Ras­sis­mus und in der die Men­schen nicht nach ihrer ver­meint­li­chen Ver­wert­bar­keit sor­tiert werden.

Bre­men gilt als „welt­of­fen und tole­rant”. Auf der Inter­net­seite der Stadt heißt es: „Bre­men muss man erle­ben! (…) Ob gebür­tig oder zuge­zo­gen — die Han­se­stadt erobert die Her­zen aller”. Stimmt das so?

Sol­che schmis­si­gen Slo­gans, wie hier zitiert, die­nen ja dazu, die Stadt Bre­men wer­be­wirk­sam dar­zu­stel­len und haben mit der Rea­li­tät in Bre­men nicht viel zu tun. Bis heute ver­tei­digt der Ex– Ober­bür­ger­meis­ter Hen­ning Scherf (SPD) die bis vor eini­gen Jah­ren auch in Bre­men übli­che Zwangs­ver­gabe von Brech­mit­tel an ver­meint­li­che Dea­ler. Der euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rechte hat diese Ver­gabe als Fol­ter ver­ur­teilt. Bis heute wird darum gekämpft, dass ein Denk­mal an der Siel­wall­kreu­zung an den durch diese Fol­ter getö­te­ten Laye Alama Conde erin­nert. Dass heute noch darum gekämpft wird, zeigt auch, dass über Ras­sis­mus geschwie­gen wird und das Leid der Ange­hö­ri­gen nicht aner­kannt wird. Das bereits erwähnte „Racial Pro­filing“ fin­det auch in Bre­men flä­chen­de­ckend statt: Vom Flug­ha­fen zum Haupt­bahn­hof bis ins „Vier­tel“. Pro­teste und Stim­mungs­ma­che gegen die Unter­brin­gung von Geflüch­te­ten gab und gibt es auch in Bre­men. Und auch ras­sis­ti­sche Brand­an­schläge, wie zuletzt 2012 in Bremen-Woltmershausen auf das Haus einer Fami­lie, gab es auch hier.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren fan­den anti­fa­schis­ti­sche Demons­tra­tio­nen meist als Reak­tion auf Neonazi-Aktivitäten statt. Hat sich an der Poli­tik der Antifa-Gruppen in Bre­men etwas verändert?

Da kön­nen wir natür­lich nur für unsere Gruppe spre­chen, wir den­ken, dass das Enga­ge­ment gegen Nazi-Aktivitäten nach wie vor ein wich­ti­ger Pfei­ler unse­rer Arbeit ist. Uns ist aller­dings auch wich­tig, nicht nur zu rea­gie­ren, son­dern im Gegen­teil auch in die Offen­sive zu gehen. Es gibt jen­seits von Neo­na­zis in die­ser Gesell­schaft jede Menge an Men­schen­ver­ach­tung die bekämpft wer­den muss – damit wären wir dann wie­der bei den Inhal­ten des Auf­rufs zur Demo und es wird klar, wie viel unter den Tisch fällt, wenn Antifa-Demos nur in Erschei­nung tre­ten, wenn es gegen Nazis und Nazi-Aktivitäten geht! Gerade aus einer lin­ken Per­spek­tive ist Soli­da­ri­tät mit den von Ras­sis­mus betrof­fe­nen Men­schen mehr als wich­tig. Ras­sis­mus gibt es eben nicht nur in Deutsch­land. In Zei­ten, in denen auch euro­pa­weit ras­sis­ti­sche und natio­na­lis­ti­sche Strö­mun­gen zuneh­men, wol­len wir ein Zei­chen für ein soli­da­ri­sches Mit­ein­an­der anstelle eines ras­sis­ti­schen Gegen­ein­an­ders setzen.

http://bremer-schattenbericht.com/2014/04/16/solidarischgegenrassismus/